Wüstentrommel

Werde frei, deinen eigenen Rhythmus zu leben!

Die heilsame Kraft der Trommel

Therapeutisches Trommeln ist weder eine eigene Psychotherapierichtung noch eine besondere Art und Weise zu trommeln, sondern es ist vielmehr ein Sich-mit-dem-Trommeln-wahrnehmen und ein Sich-einlassen-auf-die-heilenden-Auswirkungen, die das Trommeln - vorzugsweise in der Gruppe - von sich aus hat. Ich möchte einige dieser positiven Aspekte ausführen, um deutlich zu machen, wie wertvoll und bereichernd Trommeln für jeden von uns sein kann.

"Jeder Tag öffnet dir eine Tür zu einer neuen Erkenntnis."    
Basim al-Tasr
      

Die Trommel ist eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit überhaupt - die früheste bekannte Darstellung einer Trommel ist auf einer Wandmalerei in Catal Hüjük zu sehen und wurde ca. 5800 v.Chr. angefertigt. Ihr Klang galt als Botschaft der Götter, man schrieb ihr heilende und magische Kräfte zu. In vielen alten Kulturen waren Rahmentrommeln unverzichtbarer Bestandteil von Zeremonien und Riten. Für den Schamanen symbolisierten Trommeln das Pferd, das Krafttier, mit dem er in die anderen Welten ritt. Sie versetzten ihn in Trance und Ekstase, ja sogar in erweiterte Bewusstseinszustände. Schamanen nutzten die Trommel, um im Ritual alte Verwicklungen aufzulösen - sie wurde also seit jeher "psychotherapeutisch" genutzt.

"Trommel heißt Rhythmus, Rhythmus heißt Struktur unseres Lebens. (...), der ganze Kosmos im Großen und im Kleinen besteht aus Periodik, aus Schwingung und aus Rhythmik. (...) Leben bedeutet also Schwingung, Starre bedeutet Tod." (Silber, Hess, Hoeren, S.15) Unser gesamtes Leben ist rhythmisch strukturiert, unser Organismus stellt ein Schwingungssystem dar, das ganz automatisch abläuft, wie z.B. Atmung, Herzschlag, Schlaf-Wach-Rhythmus oder Hormonzyklen. Nur wenn diese biologischen Rhythmen stabil bleiben, sind wir gesund. In der Hektik und der ungesunden Lebensweise, die heute leider häufig unseren Alltag prägen, kann dieses fein aufeinander abgestimmte System jedoch aus dem Gleichgewicht geraten, was dann häufig zu psychischen und physischen Störungen führt. Wir sind nicht mehr intakt, nicht mehr im Takt. Wenn nun ein geschädigter Organismus einem gesunden, natürlichen Rhythmus ausgesetzt wird, kann er mit ihm in Resonanz treten und so wieder zu seinem ursprünglichen, heilen Schwingungsrhythmus zurückkehren. Das ist eines der Wirkprinzipien der Altorientalischen Musiktherapie, die die Trommel als ein wesentliches Therapieinstrument nutzt. "Die Rhythmen, die in der Altorientalischen Musiktherapie meist sanft mit einer Trommel oder Dombra gespielt werden, bringen zunächst die Atmung des Patienten in harmonischen Fluss - ohne dass ihm das selbst bewusst wäre. Die harmonisch fließende Atmung führt zu einer tiefen Entspannung und Ruhe. In diesem Zustand der Ruhe können sich Blockaden und Verkrampfungen lösen." (Güvenc/Güvenc S.105) Aber auch die Musiktherapie der westlichen Länder weiß um die Wirkkraft von Rhythmus und Klang. Wir empfinden eine Musik als angenehm, wenn das Verhältnis von Rhythmus und Klang (Melodie) harmonisch ist. Dementsprechend benötigen wir in unserer seelischen Struktur eine Ausgewogenheit zwischen Fühlen und Denken, zwischen Leistung und Entspannung, zwischen Nähe und Distanz, damit wir uns wohlfühlen. Es besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen seelischer und musikalischer Struktur, somit läßt sich die Befindlichkeit unserer Seele in der Musik abbilden. Ist sie in Disharmonie, kann mit der musikalisch-symbolischen Darstellung auf sie Einfluss genommen und eine Änderung herbeigeführt werden, bis ein gesunder Rhythmus für Körper und Seele wieder hergestellt ist, bis wir wieder im Einklang mit uns selbst sind. Die Musiktherapien von Orient und Okzident sind sich also sehr ähnlich.

Der Mensch selbst ist Klang. Schamanen und Naturvölker waren in der Lage, sich mit dem ganzen Körper der Musik zu überlassen, Körperbewegungen, Atem und Stimme wurden eins. In unserer verkopften Welt fällt uns dieses Fallenlassen schwer, aber dem Einfluss, den spezielle Rhythmen auf unser Gehirn ausüben, können wir uns dennoch nicht entziehen, ihre Wirkung erreicht direkt unsere Emotionen und unseren Körper. Man kann diese Urkraft unschwer erkennen, wenn man die Zuhörer flotter Rhythmen beobachtet: Füße wippen, Hände klopfen, Körper schwingen, Gesichter entspannen sich, das Leben pulsiert! Erklingt in orientalischen Ländern irgendwo ein Trommelrhythmus, stimmen die Menschen sofort mit frohem Klatschen ein, Lebensfreude und Gemeinschaftsgefühl werden spür- und erlebbar.

Trommeln bedeutet tiefgreifende Körperarbeit. Durch die Vibration der Trommel wird jede einzelne Körperzelle aktiviert und harmonisiert, der Körper wird geerdet. Gemeinsames Trommeln führt zu Veränderungen im menschlichen Körper, was durch Untersuchungen und Messungen beispielsweise von Pulsfrequenz, Atmung, Hautreflexen und Drüsenfunktionen belegt wurde. Beim Trommeln werden Stress und Aggressionen abgebaut. Die Hände dürfen schlagen, die natürliche Schlaghemmung wird überwunden, angestaute Energien kommen ins Fließen. Wir werden entspannt und schlagfertig, können vielleicht sogar einen durchschlagenden Erfolg verbuchen. Durch die vielfältigen Bewegungen beim Trommeln, die eine im Alltag ungewohnte Koordination und Präzision erfordern, werden beide Gehirnhälften angesprochen und mit wachsender Routine dauerhaft synchronisiert. Sämtliche Reflexzonen auf den Händen werden stimuliert und auf diese Weise alle unsere Organe positiv angeregt und gestärkt.

Spezielle Rhythmen können einen leichten, spielerischen Umgang mit dem Körper ermöglichen und so den Zugang zu eventuell blockierten Hirnregionen schaffen, der Körper wird durchlässiger. Das Ohr hat eine direkte Verbindung zum limbischen System, dem Gefühlszentrum des Gehirns. Menschen, bei denen der Kontakt zum Körper unterbrochen wurde - was z.B. bei der Anorexia nervosa häufig der Fall ist, bei der die Signale des Körpers permanent unterdrückt und bekämpft werden - können durch das Trommeln allmählich wieder einen Zugang zum Körper erlangen und so auch zum Spüren körperlicher Empfindungen zurückfinden.

"Musik und Rhythmus finden ihren Weg zu den geheimsten Plätzen der Seele."  
Platon

Dass uns die Trommel zur Reise in veränderte Bewusstseinszustände verhelfen kann, haben wir schon gesehen. Klang und Rhythmus können aber auch als Brücke zum Unbewussten und zu den gesammelten Aufzeichnungen unserer Seele dienen, selbst zu denen aus vorsprachlicher Zeit. Bestimmte Ereignisse werden besonders an ihrem Klangmuster wiedererinnert, z.B. sogenannte Double-bind-Botschaften, bei denen verbale und non-verbale Aussagen nicht übereinstimmen, bei denen sozusagen "der Ton die Musik macht". Oft quälen uns solche lange zurückliegenden Erlebnisse durch ihre Auswirkungen bis heute, wir können sie aber nicht integrieren, weil sie uns nicht bewusst sind. Auf dem Weg der Klangerfahrung kann es uns gelingen, zu solch einem Ereignis vorzudringen, um es dann mit psychotherapeutischer Begleitung aufzuarbeiten.

Trommeln macht es uns möglich, unsere automatisierten Verhaltensweisen und Muster zu erkennen, denn beimTrommeln in der Gruppe offenbaren sich alltägliche Strategien, die wir im Umgang mit Berufskollegen, Freunden und Partnern kontinuierlich, aber völlig unbewusst anwenden. Dass eine enge Verbindung von rhythmischen Strukturen und Verhaltensweisen besteht, zeigt unsere Sprache in Worten wie Takt, Taktgefühl, jemanden taktlos oder taktvoll behandeln. Wie geht der einzelne Spieler beispielsweise beim Improvisieren mit Konfusion, mit heillosem Durcheinander um? Reagiert er im Alltag in ähnlichen Situationen ebenso? Durch dieses Bewusstmachen können tiefsitzende Verhaltensmuster gelockert und gegebenenfalls korrigiert werden, was zu einem authentischeren Umgang mit anderen und häufig gleichzeitig zu einer Lösung körperlicher Verspannungen führt.

"Achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten.
Achte auf deine Taten, denn sie werden dene Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal."

Aus dem Talmud 

Trommeln ist non-verbale Kommunikation. Menschen, die mit verbalem Austausch Schwierigkeiten haben, finden hier eine Gelegenheit, auch ohne Worte mit anderen in intensiven Kontakt zu treten und echte Gemeinschaft zu erleben, denn beim Trommeln treten Sprache und Intellekt in den Hintergrund, wichtig sind dagegen emotionale Wachsamkeit  und ein feines Gespür sowohl dem eigenen Verhalten gegenüber als auch für die Interaktion in der Gesamtgruppe. Die einelnen Gruppenmitglieder werfen einander musikalische Passagen zu, sie begeistern und stimulieren sich gegenseitig und sie reißen sich mit auf den Wogen der unterschiedlichen Rhythmen. Derartige Kontakterfahrungen stärken den Selbstwert und vermindern soziale Hemmschwellen, wodurch wiederum die verbalen Fähigkeiten gefördert werden.

So wird Trommeln zu einer Art Lebensschule, wenn wir ihm in unserem Alltag den nötigen Raum geben. Geübt und gelernt werden Koordination, Konzentration, Kondition, Motorik, Körpergefühl, Zentrierung, Kraft und vor allem auch Sozialkompetenzen wie Teamfähigkeit, aufeinander hören, sich etwas zutrauen, sich einerseits exponieren, andererseits auch bedingungslos einfügen können und vieles mehr. Eine besondere Herausforderung stellt das Improvisieren dar, denn dieses verlangt immer wieder ein "Ja" zur Unsicherheit, das uns im Allag oft allzu schwer fällt, ein "Ja" zum Loslassen des Vertrauten, ein "Ja" zum Ausprobieren von Neuem. Der Grundrhythmus gibt uns die Sicherheit und die Stabilität, den festen Boden, den wir brauchen, um dieses Wagnis einzugehen und uns im freien Spiel der Leichtigkeit hinzugeben. Der Lohn für diesen Mut ist dann ein Zuwachs an Spontaneität und Selbstsicherheit.

Einen ganz wesentlichen Pluspunkt des Trommelns habe ich noch nicht genannt, weil er für jeden, der es schon mal ausprobiert hat, eigentlich ganz selbstverständlich ist, dessen Wert aber dennoch unschätzbar ist:                      Trommeln macht ganz viel Spaß!

Dies alles sind Früchte, die wir durch das gemeinsame Trommeln ernten können, wenn wir uns darauf einlassen, wenn wir es zulassen, wenn wir uns berühren lassen.

Mein Aufruf an den Leser/die Leserin dieser Zeilen lautet deshalb:

Schenke deiner Seele die unbegrenzte Weite der Wüste durch die befreiende Kraft der Trommel!

Werde frei, deinen eigenen Rhythmus zu leben!

Susanne Meister


Quellen:

Güvenc, Oruc/Güvenc, Andrea Azize: Heilende Musik aus dem Orient. Südwest 2009
Kraus, Werner: Die Heilkraft der Musik. C.H.Beck 2002
Redmont, Layne: FrauenTrommeln. Sphinx 1999  
Paturi, Felix R.: Heilbuch der Schamanen. Reichel Verlag 2005
Silber/Hess/Hoeren: Klangtherapie. Traumzeit-Verlag 2007
Mehrwald, Jörg: Heilung durch Trommeln. Paracelsus Nr. 02/2009, Jahrgang 1
Oelerich, Anna: Drumcircle Konzept, www.drumcafe-nordhorn.de/more.html 22.09.2009
Rigert, Stephan: Trommeln in der Gruppe. Im Fluss mit dem Rhythmus, swch.ch SCHULEkonkret 05/2008